Startseite

Gedicht der Woche 43/2020


Rauch

Auf dem Kahlschlag, schwelen Feuer seit Tagen
In der Humusschicht unterm Heidekraut.
Reisig und Strauchwerk sind abgetragen.
Nur noch Asche und Öde. Rauch, der blaut,
Zieht Fäden in die silbrige Luft
Des Oktoberabends und bitteren Duft
In die geruchlose Spätherbstkühle ...
Ich schüre den schwelenden Sand und wühle
Glimmende Glut zu Funken auf.
Stehende Flammen fallen in Lauf
Und Kiefernnadeln und Kienzapfen an.
Es knackt und knistert ... Ich weiß nicht, wann
Ich zuletzt so glücklich war ...
Der bittere Rauchgeruch sättigt mein Haar
Und saugt sich ins Vlies des Wollmantels ein.
Und ich stehe im leeren Abend allein
Und bin frei und wunschlos und lebe gern.
Und über den Hügeln der erste Stern
Und ein Mond wie gedacht, haarfeines Horn.
Und die Lust hört nicht auf, sie ist immer davorn,
Wo der Rauch hintreibt mit dem eisigen Wind.
Und genauso fühlte ich damals als Kind,
Wenn Reisigrauch von Herbstfeuern trieb.
Und eines ist, was ich liebte und lieb.
Das Leben ein einziger Atemhauch.
Ziehend und fliehend. Von Feuern ein Rauch.


Eva Strittmatter

aus "Heliotrop"
Aufbau Verlag 1983

 Literatur und mehr von Eva Strittmatter

 Startseite  nach oben